Kreativität – ein missverstandener Begriff

Hand auf´s Herz: Wissen Sie was Kreativität wirklich bedeutet? Reflektieren Sie einen Augenblick. Man kann davon ausgehen, dass sich Definitionen und Erklärungen finden. Wie missverstanden dieser Ausdruck jedoch ist, zeigt folgendes alltägliches Beispiel. Im allgemeinen Verständnis besteht eine große Werbeagentur aus Kundenberatern, Betriebswirten, Textern, Programmierern, Strategischen Planern, Fotografen der Administration inklusive Geschäftsführung – und den Kreativen. Gemeint sind damit in der Regel die Grafiker. Diese Aufgabenunterteilung beinhaltet einen wesentlichen Fehler. Sie bedeutet, dass nur Grafiker kreativ sind und alle anderen nicht. Ist das so?

Was ist mit Musikern, Bildhauern, Stadtplanern, Handwerkern wie Tischler oder Schneidern? Sind das keine Kreativen? In Zeiten enger werdender Märkte, rationalisierter und damit kopierbarer Produktion sowie stagnierendem Wachstum sind die Schlagzeilen der Wirtschaftspresse voll mit Forderungen nach mehr Kreativität, Innovationen und neuen Ideen. Mit dem Schlagwort „Kreativität“ wird Wettbewerbsvorsprung oder Standortsicherung verbunden. Wenn also Kreativität der Schlüssel für wirtschaftliche Zukunft ist, warum wird diese Frage dann eher an „Funktionen“ festgemacht, statt den Blick auf das Wesen der Kreativität zu richten? Man käme leichter zu zielführenden Ergebnissen.

Weit verbreitet ist die Annahme, man könne durch Kreativtechniken die gewünschten Ziele erreichen. Doch Technik bezeichnet eher das Verfahren oder die Methoden, die man zur Produktion benutzt. Produktion selbst meint eher das Herstellen im Sinne von Vervielfachen – es zu re-produzieren gewissermaßen. Das bedingt, dass eine Sache oder gar eine Überlegung bereits vorhanden ist. Neues entsteht dadurch nicht. Um eben dieses zu bewirken, muss es zunächst „ins Leben gerufen“ bzw. „zu Leben erweckt werden.“ Es bedarf einer Idee, die ihren Ausdruck durch im wahrsten Sinne des Wortes schöpferisches Gestalten bekommt – das Erschaffen. Eine Idee bekommt durch Arbeit erst ihre Gestalt. Es verhält sich so wie bei einem Bildhauer. Er hat eine bildliche Vorstellung, ein Material wie einen Stein – und durch seine handwerklichen Fähigkeiten entsteht eine Skulptur, die einzigartig ist und damit neu. Bei einem Tischler kann dieser Prozess genauso verlaufen. Ein wesentliches Merkmal der Kreativität ist also das Erschaffen. Das bedingt solides Knowhow. Wissen per se bewirkt gar nichts. Es wird erst dann nutzbringend, wenn durch Wirken oder Schaffen in Verbindung mit einem bis dato unbekannten Nutzen etwas „Neues“ entsteht. Dies bedingt aber ebenso handwerkliches Können. Nur mit Beherrschung der Technik kann eine Idee umgesetzt werden.

Der Umgang mit einer Fähigkeit setzt zudem Konzentration, Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit voraus. Die Schöpfung ist demzufolge auch harte Arbeit, gleich, ob diese nun körperlicher oder geistiger Natur ist. Selbst ein Rockmusiker wie der Amerikaner Tom Petty drückte es sinngemäß so aus: „Was nützen mir die besten Einfälle, wenn ich mein Musikinstrument nicht beherrsche? Das gelingt mir nur durch ständiges Üben der Handgriffe auf meiner Gitarre.“ Beschäftigt man sich intensiv mit einer Sache und der Arbeit , wird der Schaffensprozess mit all seinen Fehlern, Abweichungen und Optionen bewusster wahrgenommen. In der Reflexion von Werkstück, Tätigkeit und dem eigenen Bewusstsein entsteht das natürliche Bestreben nach Perfektionierung. In diesem Prozess entstehen Ideen. Thomas Edison, der Erfinder der Glühbirne, wird der treffende Ausspruch zugeschrieben: „Kreativität bedeutet ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration.“ Letzteres ist die Folge der der intensiven Beschäftigung mit einer Sache. Die Basis aller Kreativität jedoch die Idee. Zu deren Findung werden zahlreiche Kreativmethoden angewandt. Eine der bekanntesten Verfahren ist das „Brainstorming“. Dabei werden alle Vorschläge und Gedanken unkommentiert gesammelt und idealerweise verschriftlicht. Nach einem definierten Ausschlusssystem werden alle Anregungen eliminiert, bis die vermeintlich Beste übrig bleibt. Doch ist sie das wirklich? Bei der Betrachtung von Kunst oder Neuerungen ist festzustellen, dass sich dahinter wesentlich Vielschichtigeres verbirgt. Zu den beschriebenen Komponenten kommt ein scheinbares unwesentliches Moment hinzu – das Loslassen. Wer hart arbeitet, braucht Pausen, um weiterzukommen. Genau dann entstehen Ideen.

Es ist jener bekannte Moment „unter der Dusche“, beim Joggen oder beim Kochen, jedoch müssen die Rahmenbedingungen stimmten, damit eine Idee sich festsetzen kann. Die Umsetzung einer Idee beinhaltet übrigens auch den Mut, etwas gegen etabliertes Wissen auszuprobieren. Nur wer Regeln bricht, verschiebt Grenzen. Schließlich muss das „Neue“ kommuniziert werden. Ohne öffentliche Resonanz bleibt das kreative Wirken unentdeckt. Selbst wenn eine Idee einen breiten Absatz, ein großes Zielpublikum findet, bleibt die Frage, ob die „Empfänger“ die Arbeit verstehen und für relevant erachten. Kreativität braucht also eine Idee, schöpferisches Wirken, handwerkliches Können, das Streben nach Einzigartigkeit und die Reflexion oder bewusste Wahrnehmung. So gesehen braucht Kreativität die Analyse der Tradition, damit durch Gestaltung von Ideen die Moderne lebendig wird.

Photy by: Bench Accounting unsplash.com

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