Beruf und Familie: Zwischen Waschmaschine, PC und Terminen

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist immer wieder Thema in den Medien. Weibliche Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft werden gern als plakatives Beispiel herangezogen. Dabei schwingt unterschwellig mit, wie mühelos das von der Hand geht. Die Werbung unterstützt dieses Bild gern: Die entspannte Mama, die sich in Sekunden zur lockeren Managerin entwickelt und gegen Abend eine gutgelaunte Ehefrau spielt. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Ein Plädoyer für berufstätige Frauen mit Familie

Zugegeben, in meinen ersten Berufsjahren, als ich noch keine Familie hatte, rollte ich wie einige meiner männlichen Kollegen auch innerlich mit den Augen, wenn eine Kollegin aufgrund ihrer Kinder einen Termin verschieben musste oder später zur Arbeit kam – und das, obwohl ich in einem Familienbetrieb groß wurde, in dem meine Mutter sechs Tage die Woche den Spagat zwischen Büro und Herd hinbekommen musste.  Ich erinnere mich: wenn mein Vater Abends heimkam und meine Mutter müde vom Tag einfach nur im Sessel saß, sagte er: „Ich weiß gar nicht warum du kaputt bist? Du hast doch das Büro im Haus im Gegensatz zu mir. Ich bin den ganzen Tag unterwegs.“ Meine Sichtweise änderte sich erst, als ich selber Verantwortung für eine Familie übernahm.

Was es aber bedeutet, eine Familie zu managen – wie es neudeutsch so schön heißt – erfuhr ich erst, als meine Frau wieder Vollzeit (mit einem 12-Stunden-Tag) in ihren Beruf einstieg. Das wurde, nebenbei bemerkt, überhaupt nur deshalb möglich, weil ich mich gegen den Verbleib im Management und für die Selbstständigkeit entschied. Um alles besser koordinieren zu können, richtete ich mir mein Büro daheim ein. So weit die Theorie. Ich stellte schnell fest: Die Praxis sieht anders aus. Außerdem verändert sich der Alltag mit jedem Entwicklungsstadium der Kinder, von denen wir zwei haben.

Der alltägliche Wahnsinn startet kurz nach dem Aufstehen

Als sie kleiner waren, begann das Chaos schon mit dem Fertigmachen zur Schule. Meine Frau war schon auf dem Weg zur Arbeit, da startete daheim erst die Diskussion um das Frühstück. Nebenbei verfolgte ich auf dem Rechner die eingehenden Mails, ging im Kopf durch, welcher Kunde welche Priorität erhält, während neben mir am Tisch ein heftiger Streit um den Nuss-Nougat-Brotaufstrich entbrannte. In solchen Momenten war an etwaige Telefonate nicht zu denken. Die mussten auf später verschoben werden. Termine früh am Morgen waren immer eine besondere Herausforderung. Auf der einen Seite war ich im Kopf schon beim Kunden, auf der anderen Seite hoffte ich, dass mit den Kindern schon alles seinen Gang gehen würde – was es natürlich nicht immer tat.

In meinen beruflichen Alltag flossen immer wieder Termine ein wie Elternsprechstunde, die Hausübungen, Ämter, Arzt oder Sportverein. Konnte ich das im Voraus planen, war alles mühelos einzurichten. Kritisch war es, wenn sich die Schule oder die Ordination eines Arztes meldete. War ich daheim, konnte ich das relativ rasch regeln, aber wenn zu der betreffenden Zeit ein Kundenbesuch anstand, wurde es je nach Anliegen sehr stressig. Ebenso wurde eine Phase der Pubertät unseres Bubs zur Belastung, in der er ein paar Mal „Kontakt mit der Polizei“ hatte. In dieser Zeit lief auch die Selbstständigkeit unrund. Die Nerven waren arg strapaziert.

Auch ohne die Koordination der verschiedensten Kinder-Anliegen ist das In-Einklang-Bringen von Haushalt und Beruf eine Herausforderung: Zwischen Kundenterminen wird eingekauft, überlegt, wie lange die frischen Sachen ungekühlt im Auto bleiben können und sonstige Erledigungen zwischen Termine geschoben. Gerade Wartezeiten bei Behörden oder beim Arzt haben immer wieder den Terminplan umgestoßen. Daheim am Schreibtisch sieht es nicht anders aus: Auf der einen Seite wird an einem Konzept geschrieben, eine Powerpoint ausgearbeitet oder eine Presseaussendung vorbereitet – und nebenbei wird die Waschmaschine gestartet, Wäsche aufgehängt, sortiert, aufgeräumt, gesaugt und gewischt – in diesem Fall „Hotel Papa“, da die Kinder inzwischen volljährig und selber im „Terminstress“ sind.

Familie und Beruf kennen keine geregelten Arbeitszeiten

Mit dem anbrechenden Abend ist der Tag aber noch nicht vorbei. Dann geht es ans Kochen, eventuell muss noch etwas repariert werden oder eine berufliche Abendveranstaltung wartet. Nach außen hin, also beruflich, wird die Contenance gewahrt. Kommt per Zufall heraus, dass man versucht, Familie und Beruf in Einklang zu bringen, wird das von Männern verstört mit „Haben Sie keine Frau?“ kommentiert. Dagegen höre ich von berufstätigen Frauen oft: „Dann wissen Sie ja, wie das ist.“ Ja, jetzt weiß ich es und verstehe die Verzweiflung mancher Berufstätiger, wenn sie nicht wissen, wie sie alles unter einen Hut bringen sollen.

Auch heute noch beobachte ich häufig wie Männer, etliche davon Familienväter, über Frauen tuscheln, die versuchten, ihr Bestes im Job und als Mutter zu geben. Abwertend wird über sie gesprochen: Wenn man das nicht schaffen könne, sollen diese Frau doch daheim bleiben oder sich ein Beispiel an den Vorzeigemüttern aus den Hochglanzformaten nehmen.

In unserer scheinbar offenen Gesellschaft hat sich meiner Erfahrung nach in dem Punkt – Vereinbarkeit von Familie und Beruf – nur oberflächlich etwas getan. Fairerweise muss ich sagen, dass mit dieser Herausforderung auch vermehrt Männer zu tun haben, die entweder alleinerziehend sind oder von daheim aus arbeiten – nur … für uns Männer sind das doch Peanuts, oder?

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