Vom Wahn der ständigen Erreichbarkeit und ewiger Betriebsamkeit

„Wie? Sie sind im Urlaub nicht erreichbar? Dann müssen Sie es sich als Selbstständiger ja leisten können“, sagte ein Kunde neulich etwas vorwurfsvoll zu mir. Während eines Gesprächs erwähnte ich, dass ich zwischen den Tagen zum Jahreswechsel mein Büro zusperre und auch komplett offline gehen werde – kein Handy, keine Mails, kein Dauerfeuer durch Messenger.

Statt Zustimmung erntete ich also Unverständnis. Dabei bin ich kein Einzelfall oder eine solche Äußerung eine Ausnahme.

Andere Selbstständige berichten ebenfalls von ähnlichen Situationen. Eine Kollegin von mir musste sich erst neulich anhören, dass sie es wohl nicht mehr nötig hätte, auch am Sonntag zu arbeiten und dass ihr die Familie wohl wichtiger sei als sein Auftrag, weil ihr Kunde sie nicht erreichen konnte. Um solchen Vorwürfen aus dem Weg zu gehen, wird immer häufiger Geschäftliches vorgeschoben, um ungestört privaten Belangen nachgehen zu können. Wer nicht – übertrieben gesagt – acht Tage die Woche 27 Stunden am Tag arbeitet, gilt entweder als faul, als Sozialschmarotzer oder muss so viel Geld verdienen, dass er es sich leisten kann. Man gilt als gesellschaftlich angesehen, wenn man ständig erreichbar ist und damit kokettieren kann, mindestens einen 14-Stunden-Tag bei einer Sechs-Tage-Woche zu haben.

Der Wahn, ständig erreichbar sein zu müssen, kennt keine Grenzen mehr. Schon im normalen Geschäftsalltag wird bei jeder Gelegenheit demonstriert, wie unentbehrlich man ist. Beim Einsteigen in den Zug wird ebenso telefoniert wie beim Einkaufen – obwohl es sich viel entspannter spricht, wenn man seinen Sitzplatz im Zug bezogen hat oder nach dem Einkauf im Auto sitzt. Auch für den Gesprächspartner gestaltet sich ein Telefonat in entspannter Atmosphäre angenehmer, als zu spüren, dass der andere mit mehreren Sachen gleichzeitig beschäftigt ist. Ebenso anstrengend sind die Menschen, die nach einer Landung – das Flugzeug steht noch nicht einmal in der Parkposition – sofort das Handy einschalten und wie von Sinnen losreden.

Wen interessiert es, ob Müller wieder zu blöd ist, die Dokumente zu bearbeiten, wie viele Sekretärinnen man auf Trab halten kann oder das Unternehmen erneut einen Millionenauftrag an Land gezogen hat? Niemanden außer den Gesprächspartnern selbst! Abgesehen davon gehören viele Informationen, die sorglos zur Dokumentation des Egos kundgetan werden, gar nicht in die Öffentlichkeit. In fast jeder Firma wird mit dem Dienstvertrag auch eine Verschwiegenheitsklausel unterschrieben. Das sollte man als Manager oder Projektleiter wissen.

Der Hang zur Selbstdarstellung oder der Zwang zur ständigen Erreichbarkeit wird auch in der Freizeit oder gar im Urlaub nicht abgestellt. Wie oft sitze ich dieser Tage im Skilift und muss mir Gespräche mit geschäftlichem Hintergrund anhören! Da frage ich mich, warum diese Menschen überhaupt in den Urlaub fahren, wenn sie ihre Arbeit mitnehmen? Manchmal macht es auch den Eindruck, als könnten die Männer – vorwiegend sind es Männer – mit Freizeit und ihrer Familie nichts anfangen. Eine Zeit lang sitzen sie neben ihren Frauen, dann wird doch wieder zum Handy gegriffen. Irgendwer muss erreichbar sein, dem man noch einen tollen Einfall zu einem Projekt mitteilen, mit dem man über unfähige Kunden sowie Kollegen herziehen kann oder dem man über Superdeals, die man noch vor dem Urlaub eingefädelt hat, erzählen kann.

Ich weiß nicht, warum das so ist. Ist es, weil der erholsame Müßiggang ungewohnt ist, weil ein schlechtes Gewissen drückt, da nur Arbeit etwas zählt oder ist die ständige Erreichbarkeit selbst zur Sucht geworden? Gerade als Dienstnehmer – gleich ob Facharbeiter oder Manager –  sollte ungestörte Freizeit leichter fallen als einem Firmeninhaber oder als einem Selbstständigen, die schon öfter an das Geschäft denken müssen. Aber auch solche Jobs lassen sich regeln. Kein Mensch ist so wichtig, dass er permanent auf Standby sein muss. Selbst Ärzte, Notfallkräfte oder Interventionsteams sind es nicht, wenn sie sich nicht im Dienst oder Bereitschaft befinden.

Vor diesem Irrsinn der schon fast zwanghaft wirkenden Zurschaustellung von Betriebsamkeit erscheinen die regelmäßigen Ratschläge von Medizinern, Therapeuten oder Gesundheitsberatern zu Work-Life-Balance oder Burnout-Prävention wie Kosmetik. Einstimmig wird geraten, öfter im wahrsten Sinne des Wortes abzuschalten, Auszeiten zu nehmen und bewusst Urlaub zu machen, damit sich Körper und Geist wieder regenerieren können. Es gibt Betriebe, die das konsequent umsetzen. Selbst einige börsennotierte Konzerne ordnen die Nichterreichbarkeit inklusive Überprüfung ihres Managements an.

Auch ich, als Selbstständiger, nehme mir bewusst meine Freizeit und schalte zu bestimmten Zeiten ab. Das kommuniziere ich offen, selbst auf die Gefahr hin, Unverständnis und unqualifiziertes Gerede zu ernten.