Slow Tourism – Chance oder Alibi?

Wie so oft wehte aus den USA ein neuer Trend nach Europa: Slow Tourism. Das steht für touristische Entschleunigung, Enthaltsamkeit, Ruhe und für „Weniger ist mehr“. Mit dem Trend entstehen neue Begriffe wie „Staycation“. Damit ist nichts anderes gemeint als der Verbleib in der eigenen Region statt des Super-Urlaubs in der Ferne. Staycation leitet sich von „stay at home“ und „vacation“ ab. Die Botschaft lautet: Es braucht wenig, um sich zu erholen.

Slow Tourism ist die Gegenbewegung zu noch höher, noch schneller, noch lauter und noch schriller. Experten in den USA haben erkannt, dass irgendwann tatsächlich die Schraube von Größenwahn, Gigantomanie und ewiger Erlebnissteigerung überdreht ist. Vielen Mitteleuropäern entlockt diese Erkenntnis nur ein müdes „Ach?!“

Auch in Europa wird die Steigerungsfähigkeit in allen Bereichen des Tourismus diskutiert z.B. der wichtige Wintersport. Neben der Entstehung von neuen Megaskigebieten durch den Ausbau bereits bestehender Skiarenen, zeichnet sich mancherorts leise eine Wende ab. Die Gemeinde Mieming / Tirol hat den Skischaukelbetrieb mit Wintersaison 12 / 13 eingestellt, wie aus den Medien zu erfahren war. Heuer sollen zudem die Stützenpfeiler der Liftanlage demontiert werden. Es geht zurück zur Natur und Ruhe. Weitere Destinationen überlegen ebenfalls, den Betrieb von Skischaukeln einzustellen.

Slow Tourism? Ist das so gemeint? Oder ist es ein Versuch, sich anders auf einem hart umkämpften und ausgereizten Markt neu zu positionieren? Schaut man auf Nächtigungszahlen und auf Bilanzen so liegen finanzielle Gründe nahe, die zum Umdenken veranlassen. Die Kosten für den Unterhalt eines Skigebietes sind enorm. Kleine Skigebiete geraten unter Druck. Warum aus der Not nicht eine Tugend machen?

Das gilt ebenso für andere Bereiche des Tourismus. Die Formel „Slow Tourism“ fällt bespielsweise in dem nördlichsten Bundesland Deutschlands, Schleswig-Holstein, auf fruchtbaren Boden. Auch hier sind viele Bäderorte dem Druck der großen Destinationen wie z.B. Sylt oder den Stränden von Mallorca & Co. nicht gewachsen. Die Finanzlage vieler kleiner Urlaubsorte erlaubt das Wettrüsten von Promenaden und Attraktionen nicht mehr. Ferner können ständig neue Standards im Nächtigungsgewerbe von kleinen Betrieben nicht mehr erfüllt werden. Der Ausweg „Slow Tourism“ scheint, gerade recht zu kommen.

Verständlich ist es. Es könnte eine Alternative sein. Jedoch, einfach alles so zu belassen, wie es ist und gar nichts mehr zu tun, ist ein fataler Weg! Was passierte vor ein paar Jahren, als die „Wellness Welle“ anrollte? Willkommen wurde dieser Gedanke aufgenommen. Etliche Hotels zwischen Küste und Alpen, die ein altes Fitnessrad im Keller hatten, eine kleine Sauna und eine Badewanne mit Duschvorhang, schrieben an ihr Haus „Wellness Hotel Sonnenschein“. Im gleichen Atemzug wurden die Preise erhöht. Dass der Gast gern für „Wellness“ etwas mehr bezahlt, hatten etliche Beherbergungsbetreiber in einem Schnellkurs des örtlichen Tourismusverbandes gelernt. Zum Glück strafe der Gast Betriebe ab, die es sich auf diese Weise einfach machten.

Andere Betriebe nützten diese Welle und profitierten davon. Neben nötigen Aufwendungen in bauliche Maßnahmen und in Personalentwicklung wurde in Marke investiert. Komplette Konzepte wurden neu für ein spezielles Marketing, inklusive einer Beobachtung der Entwicklung, konzipiert. Der Erfolg und die Weitsicht gaben diesen Unternehmen Recht.

Es wird sich ähnlich verhalten, wenn sich Orte oder Betriebe auf „Slow Tourism“ einlassen. Ohne eine gründliche Überlegung: Wer bin ich? Was kann ich? Wen möchte ich ansprechen?“ – ist eine klare Positionierung und damit eine Differenzierung der Marke schwer. Nach dieser Klärung stellt sich die Frage, ist „Slow-Tourism“ überhaupt sinnvoll und welche Botschaft wird damit ausgesendet? „Slow-Tourism“ erfordert ebenso ein Konzept für eine erfolgreiche Vermarktung, wie Kulinarik, Fun-Parks oder Wellness. Selbst „weniger ist mehr“ will inszeniert und erlebbar sein. Einfach alles so zu lassen, bedeutet das endgültige Aus!

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