Demografischer Wandel und Digitalisierung: Fatale Ignoranz

Auf den ersten Blick und auch faktisch betrachtet haben der demografische Wandel und die Digitalisierung nichts gemein. Dennoch gibt es Parallelen. Beide bedeuten für Gesellschaft und Wirtschaft einen tiefgreifenden, ja, radikalen Umbruch. Obwohl medial über die Entstehung, Entwicklung und nachweisbare Folgen berichtet wird, ist ein breites und erforderliches Umdenken kaum oder nur langsam spürbar. Aus Furcht, etwas zu verlieren, sich auf Neuland zu begeben und Chancen zu ergreifen für einen dringend nötigen gesellschaftlichen und damit auch wirtschaftlichen Umbau, wird diesen beiden Thematiken mit Ignoranz begegnet. Doch das ist nichts anderes als Ausdruck von Hilflosigkeit und hat nur eine Schutzfunktion – oft mit fatalen Folgen.

Zeit, sich darauf vorzubereiten und weiterzudenken, gab es reichlich. Je nach Blickwinkel wurde schon in den 1970iger Jahren über die demografische Entwicklung im deutschsprachigen Raum gesprochen. Seit der Jahrtausendwende darf der Begriff „demografischer Wandel“ in keinem Bericht oder in keiner öffentlichen Rede fehlen. Aber außer der Einsicht, etwas tun zu müssen, lässt man es – gleich wo – eher darauf ankommen: „Es wird schon nicht so schlimm werden, wie die Experten sagen“.

Der demografische Wandel vollzieht sich eher träge im Gegensatz zu der nächsten mächtigen Welle, die auf uns zurollt und schon erfasst hat – die Digitalisierung. Seit über 15 Jahren nimmt dieses Thema an Fahrt auf und hat wohl mit der Diskussion um die Wirtschaft 4.0 seinen ersten Höhepunkt erreicht. Zwar wird auch darüber in den Medien berichtet, werden zahlreiche Referenten zu Vorträgen oder Diskussionen über die Digitalisierung eingeladen oder entsprechende Werbekampagnen (Deutsche Telecom „Wirtschaftswunder 4.0“) geschaltet, aber eine breite Auseinandersetzung scheint nicht stattzufinden. Das ist am Rand von Informationsveranstaltungen immer wieder zu beobachten: „Zu abgehoben, das betrifft uns nicht!“. Das Verhaltens- und Denkmuster ist ähnlich wie bei der Thematik des demografischen Wandels.

Es rasen also zwei unausweichliche Strömungen auf uns zu, die sich zu einer Monsterwelle kumulieren. „Der Schmerz ist der große Lehrer des Menschen“ lautet ein Zitat der österreichischen Novellistin Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach. Wahrscheinlich verhält es so, wie ein Blick in die Geschichte immer wieder zeigt. Nur ein Beispiel: Die flächendeckende Besiedelung der USA ist nicht aus Abenteuerlust oder aus Neugier auf etwas Neues erfolgt. Hunger, Unterdrückung, Verfolgung und Perspektivlosigkeit waren die Triebfedern der zahllosen Emigranten, die sich auf eine lebensgefährliche Reise über den Atlantik begaben, ohne zu wissen, welche Herausforderungen sie bei der Ankunft erwarteten.

Gemessen daran ist das Ergreifen von Chancen, die sich durch die Digitalisierung und den demografischen Wandel ergeben, eine „Matinée“, bei der man weiß, was auf dem Programm steht. Woran liegt es also, dass in weiten Teilen der Gesellschaft Abwehrhaltung gepaart mit Ignoranz  vorherrscht? Hat das etwas mit Verlust an Sicherheit, Macht, Kontrolle, abgesteckten Claims oder Einfluss zu tun?

Der Verdacht liegt nahe, denn schon immer wurde Neues und Unbekanntes aus genannter Motivation bekämpft. Es ist an der Zeit, dass der Begriff „Verlust“ durch „Gewinn“ ersetzt wird, bevor andere, die weniger Angst haben, uns überholen.

Photo by: Brendan Church unsplash.com