Aus der Praxis: Wie fahre ich ein Unternehmen gegen die Wand?

Sie denken, das ist ein Scherz oder eine Provokation? Bei Firmenübernahmen oder neuen Beteiligungen kommt es immer wieder zu Problemen. Auslöser dafür ist in der Regel eine unzureichende bis schlechte Kommunikation.Bisher hatte ich darüber nur gelesen. Doch jetzt erfuhr ich selber kürzlich durch einen Kunden, welche Dimension eine verfehlte Kommunikationspolitik hat und welche Folgen daraus resultieren:

Der Inhaber eines gut gehenden Familienunternehmens, das seit Jahrzehnten erfolgreich in der Maschinenbaubranche tätig ist, hat die Absicht, in zwei Jahren in den Ruhestand zu gehen. Zwar könnten seine beiden Söhne die Firma weiterführen, aber beide arbeiten in völlig anderen Branchen und haben kein Interesse am Betrieb ihres Vaters. Dieser entschied sich daraufhin, einen Teilhaber in die Firma zu nehmen, der mit 60% Beteiligung einstieg. In zwei Jahren soll dann die volle Übernahme erfolgen. Laut Vereinbarung sollte der bisherige Inhaber bis dahin weiter die Geschäfte leiten und den Teilhaber schrittweise in das Unternehmen einführen. Eine der Bedingungen des neuen Partners war, einen Ingenieur, einen Werksleiter und drei weitere Facharbeiter in das Unternehmen holen zu dürfen.

Neue Besen kehren besser

Die Belegschaft erfuhr von den Verhandlungen nichts. Es hielten sich jedoch Gerüchte, dass ein „Neuer“ kommt. Zwar wurden nach Abschluss der Verhandlungen den Mitarbeitern der neue Partner und die neuen Kollegen sowie ein paar Eckdaten der Vereinbarung vorgestellt, aber eine umfassende Informierung blieb aus. Auch die neuen Mitarbeiter hatten nur begrenzte Informationen über das Unternehmen und sowohl ihre eigenen als auch die Zuständigkeiten ihrer neuen Kollegen. So wurde der neue Ingenieur der Entwicklungsabteilung, dem Herzstück des Unternehmens, einfach vorgesetzt. Er fing umgehend damit an, die gesamte Abteilung neu zu strukturieren. Ferner wurden etliche Gerätschaften gekauft, für die es jahrelang kein Budget gegeben hatte.

In der Fertigung sah es nicht anders aus. Der neue Werksmeister arbeitet mit dem bisherigen Leiter wenig zusammen. Stattdessen erfolgten Anordnungen, die einfach nur umzusetzen waren und auch hier wurden Maschinen angeschafft, für die es vorher kein Geld gab. Unruhe machte sich in der Belegschaft breit. Gerüchte waren an der Tagesordnung. Der Vertrauensmann versuchte mit dem alten Inhaber ins Gespräch zu kommen, um Klarheit zu gewinnen. Doch dieser wich immer wieder aus, schob die Arbeit vor, die jetzt anfallen würde oder war gar nicht zu sprechen. Stattdessen kam der neue Partner regelmäßig in den Betrieb. Er gab Anweisungen und sprach nur mit den Mitarbeitern, die er selbst in den Betrieb gebracht hatte. Das Betriebsklima verschlechterte sich zusehens. Fehler in der Produktion häuften sich.

Fremdes Geld gibt sich immer leichter aus als eigenes

Die Situation verschärfte sich, als der neue leitende Ingenieur auf einen 14-tägigen Lehrgang ging und die Entwicklungsabteilung mit der gerade angeschafften Software allein ließ – war er doch der einzige, der sich mit den neuen Programmen auskannte. In der Not griff die Abteilung wieder auf die alte Software zurück.

Die Unruhe im Unternehmen sind mittlerweile auch beim Kunden angekommen. So liefen im Sekretariat Telefonate von Kunden auf, die mit der gelieferten Ware unzufrieden waren – was sie bisher von dem Maschinenbauer nicht kannten. Als der alte Werksmeister und der Vertrauensmann davon erfuhren, suchten sie den Inhaber des Familienunternehmens abends in seinem Privathaus auf. Sie schilderten ihre Sicht der Vorkommnisse, den Unmut – einige Mitarbeiter planten schon ihre Kündigung -, die fragwürdigen Geldausgaben, die Art und Weise der neuen Mitarbeiter und beklagten den schlechten Informationsfluss. Dem Chef war bis zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß der Entwicklung nicht bewusst. Zwar hatte er eine Abkühlung des Betriebsklimas bemerkt und das ihn jeder sprechen wollte, aber ein genaues Bild über den Zustand seines Unternehmens hatte er nicht. Es war höchste Zeit zum Handeln, bevor das Unternehmen in eine Katastrophe rutschte: Unzufriedene Kunden, Kündigung von Fachkräften, Qualitäts- und Imageverlust.

Neben vielen kleinen Fehlern gab es drei Aspekte, die zu dieser Situation führten:

  1.  Die Belegschaft wusste nicht, wer die Firma führt: Wer ist Chef und wer Ansprechpartner?. Eingeleitet wurde das durch die unzureichende Informationen, als der Teilhaber und die neuen Arbeitskollegen vorstellt wurden. Hier hätte bereits klar formuliert werden müssen, wer was machen soll, wer mit welchen Befugnissen ausgestattet ist und dass sich an der Führung nichts ändert – bis der Inhaber in den Ruhestand geht.
  2.  Der Inhaber machte außerdem den Fehler – bewusst oder vielleicht auch unbewusst -, sich zu früh aus dem Betrieb nehmen zu wollen, sich auf seinen Ruhestand zu konzentrieren und sich der aufkommenden Unruhe nicht zu stellen. Wenn man so will, verfolgte er eine Vogelstraußpolitik.
  3. Das wiederum führte dazu, dass die neuen leitenden Angestellten Dinge ohne Absprache mit der Führung taten und keine Zusammenarbeit mit den anderen Kollegen suchten. Hier hätte die Führung ganz klar eingreifen und Grenzen ziehen müssen.

Kommunikation ist der Kitt, der alles verbindet

Inzwischen ist der Maschinenbauer wieder auf einem guten Weg. Nach einer generellen, intensiven Aussprache mit der Belegschaft und durch viele Einzelgespräche sind das Betriebsklima und die Motivation wieder hergestellt. Ebenso gehen die Reklamationen und die Fehlerquote zurück. Zwei der fünf neuen Mitarbeiter haben das Unternehmen verlassen, darunter der Ingenieur, der kurzfristig die Leitung der Entwicklungsabteilung inne hatte. In Summe betrachtet handelt es sich um Versäumnisse der Führung. Der bekannte Spruch „Der Fisch stinkt vom Kopf“ hat sich bei dieser Maschinenbaufirma bewahrheitet und zwar in einer Deutlichkeit, wie ich sie zuvor noch nicht erlebt hatte. Neben der Führungsschwäche gab es ein erhebliches Kommunikationsproblem. In vielen Unternehmen wird die Macht der Kommunikation noch immer unterschätzt. Eher wird in Maschinen oder Software investiert als in eine gute, zielführende Unternehmenskommunikation – ein Fehler, der leider immer wieder gemacht wird. Eigentlich sollte solchen Beispielen gelernt werden.

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